„Wenn ich auf einem Dach bin, habe ich das Gefühl absoluter Freiheit”, erzählt uns Kirill, einen Arm in der Luft, sein Körper über dem Abgrund hängend.

Der 19-Jährige aus Moskau hat sein Studium abgebrochen und entflieht den Fängen des Militärs. Er klettert auf die Spitze der Wolkenkratzer, dreht Videos und postet Fotos auf Social Media.

Seine Freundinnen und Freunde verstehen ihn nicht. Sie denken, er verschwende seine Zeit, und fragen sich, ob er nicht eine «innere Leere» spüre. Kirill wirkt absolut ruhig, distanziert, fast schon gleichgültig. Welche Antworten findet er oben bei den Sternen?

Regie, Kameraführung: Geoffrey Feinberg
Produktion: Jelena Goldbach, Olga Korotkaya
Bearbeitung: Amanda Laws, Dominika Michalowska
Musik: Julian Brau, Lorenz Fischer, Claude Debussy
Farbkorrektur: Patrick DeVine
Übersetzung, Untertitelung: Johanna Hüsgen (ZHAW), Edward Grad, Philip Bell, Jodie Clifford

Interview

Goeff Feinberg | 99.media

Geoff Feinberg Regisseur

Ich habe Höhenangst. Deshalb hat es mich sofort fasziniert, als ich den unheimlich ruhigen
Blick in Kirills Augen gesehen habe, während er so wahnsinnig gefährliche Dinge tut.”
  • Erzähl uns von dir, Geoffrey.


Ich bin Filmemacher und lebe in den USA. Seit ich mich erinnern kann, bin ich von Filmen besessen! Ich bin in der Nähe von London, England, aufgewachsen und in die USA gezogen, um eine Kunstschule mit Schwerpunkt Film zu absolvieren. Nach dem Studium bin ich viel gereist, als Backpacker, als Arbeiter auf Bauernhöfen. So wurde das Reisen zu einem meiner anderen grossen Interessen. Dokumentarfilme sind eine tolle Möglichkeit, um ganz unterschiedliche Kuriositäten kennenzulernen. So kam ich auch in Kontakt mit dem «Rooftopping» und dann mit Kirill.

The Hanging 02 | 99.media
  • Wie begann euer Projekt?


Kirill postete mehrere Bilder von sich auf verschiedenen Dächern Moskaus. Diese Bilder gingen viral, und als ich sie sah, brach mir der kalte Schweiss aus. Ich habe Höhenangst. Deshalb hat es mich sofort fasziniert, als ich den unheimlich ruhigen Blick in Kirills Augen gesehen habe, während er so wahnsinnig gefährliche Dinge tut.

Es war ein bizarrer Kontrast, als wäre das, was er tut, keine grosse Sache. Ich wollte ihn treffen und sehen, was hinter diesem ruhigen Blick steckt. Die Fotos kursierten im Internet und so suchte ich den Urheber der Bilder und kontaktierte ihn. Mich hat diese russische Roofing-Subkultur fasziniert.

„Kirill hat etwas Rätselhaftes an sich. Er kämpft innerlich, testet seine Grenzen und lotet sie aus.”
  • Wie hast du Kirill überzeugt, beim Begehen von Straftaten gefilmt zu
    werden?


Da war keine Überzeugungsarbeit nötig und keine Ängste von Kirill oder seiner Roofing- Gruppe, Ärger zu bekommen. Ihr Hobby zählt je nach Situation nur als geringfügiges Vergehen. Darum habe ich mich von ihnen beraten lassen, wann ich filmen soll und wann nicht.

Zur Roofing-Subkultur gehört es, nach Gebäuden zu suchen, auf die man klettern möchte, und einen Weg zu finden, um dort hochzukommen, egal mit welchen Mitteln. Manchmal reicht es einfach, ein paar Treppen hinaufzusteigen und die unverschlossene Tür zu öffnen, manchmal sind aber auch andere Mittel erforderlich.

Rooftopping ist eine besondere Art der Städtebesichtigung, von der Kirill und seine Gruppe begeistert sind. Das Ziel ist ähnlich wie bei herkömmlichem Tourismus. Man möchte Orte besichtigen – mit, oft aber auch ohne Erlaubnis. Wenn Kirill oder andere aus der Gruppe nicht gewollt hätten, dass gewisse Situationen, die ich gefilmt habe, an die Öffentlichkeit kommen, hätte ich sie nicht gezeigt.

The Hanging 01 | 99.media
  • Viele Bilder, die gefährliche Situationen zeigen, wurden von den Roofern und
    Rooferinnen selbst gemacht, aber hattest du das Gefühl, dass du dich selbst in
    Gefahr gebracht hast? Hattest du keine Angst, verhaftet zu werden?


Nein, ich habe mich sicher gefühlt bei Kirill und seiner Gruppe. Sie haben schon lange,
bevor ich zum Filmen gekommen bin, Rooftopping betrieben. Ich hatte das Gefühl, mit einer erfahrenen Gruppe unterwegs zu sein. Abgesehen von einigen wenigen heiklen
Situationen, bestand nie wirklich die Gefahr, verhaftet zu werden. Den anderen Leuten
schien es schlicht egal zu sein!

Meine Hauptsorge war, dass sich Kirill gezwungen fühlen könnte, für mich irgendwelche Stunts zu machen, wie von einem Dach zu hängen. Dass ich das nicht will, habe ich von Anfang an klargestellt. Wie schon gesagt, hatte er das Filmmaterial mit den gefährlichen Stunts selbst gedreht, bevor ich ihn traf. Ich wollte ihn vor allem kennenlernen und nicht irgendwelche Tricks von ihm sehen.

  • Erzähl uns von den Dreharbeiten und ihren technischen Einzelheiten.


Ich habe alles in einem einzigen Rucksack transportiert, um kein Aufsehen zu erregen. Ich habe mit einer DSLR-Kamera gefilmt und hatte ein separates Tonaufnahmegerät am Blitzschuh montiert, manchmal zusammen mit einem Shotgun-Mikro. Ich habe fast alles aus der Hand gefilmt, es war also ein kleines Setup.

„Der Film hat Bezug zur Gegenwart. Es gibt viele Parallelen zu den aktuellen Ereignissen.”
  • Die Nebenfigur in diesem Film ist Moskau selbst. Kirill interessiert sich für
    Architektur und Geschichte. Wie sieht seine Beziehung zu dieser Stadt
    aus?


Kirill liebt seine Stadt, er scheint jeden Winkel und alle versteckten Schönheiten von Moskau zu kennen. Es ist eine besondere Art, um den Ort, an dem man lebt, zu entdecken: Sich auf Baustellen zu schleichen, auf Kräne zu klettern, um von dort die neuen Gebäude, die gerade entstehen, zu sehen, und auf die altehrwürdigen Gebäude zu steigen.

Ich war beeindruckt davon, wie sehr man sich einen Ort zu eigen machen kann, wenn
man ihn auf diese Weise erkundet. Man versteht, dass es ein überwältigendes Gefühl
sein kann, an Orte zu gehen, die viele andere nie zu Gesicht bekommen. Dort oben zu
sein, mit einer spektakulären, einzigartigen Aussicht, gibt einem das Gefühl absoluter
Freiheit. Das ist richtig berauschend. Er kannte die Geschichte aller Orte, die wir
besuchten, und erzählte mir alles über sie.

The Hanging | 99.media
  • Es ist schwierig, aus Kirill schlau zu werden. Er kritisiert die Gleichgültigkeit der Gesellschaft, wirkt aber selbst auch nicht wie ein Aktivist. Hinter seinem Handeln scheinen keine politischen Beweggründe zu stecken. Er nimmt Kritik von anderen entgegen, wirkt dabei aber auch gleichgültig. Vielleicht geht er zur Armee… vielleicht auch nicht. Er scheint voller Widersprüche zu sein. Wie würdest du ihn beschreiben?


Du hast absolut recht. Zur Zeit der Dreharbeiten war Kirill kein Aktivist oder besonders politisch motiviert. Nach den Arbeiten stellte sich heraus, dass er sich mit einem ärztlichen Attest von der Wehrpflicht befreien konnte.

Kirill hat etwas Rätselhaftes an sich. Er kämpft innerlich, testet seine Grenzen und lotet sie aus. Ich denke, dass er während der Dreharbeiten an einem Scheideweg in seinem Leben stand. Nachdem er sein Studium an einer guten Universität abgebrochen und damit den vordefinierten Weg verlassen hatte, wusste er nicht, wohin er sich wenden sollte. Er wirkte oft gedankenverloren und versuchte, seinen Weg zu finden. In diesem Selbstfindungsprozess schien das einzige, das er wirklich schätzte und brauchte, die Freiheit zu sein, entdecken und sehen zu können, was die Welt da draussen für ihn bereithielt. Deshalb kann er manchmal rätselhaft wirken. Er ist ein 19-Jähriger, der versucht, Freiraum für sich zu schaffen, um herauszufinden, was er will. Aber die Armee und die Wehrpflicht sind eine echte Gefahr für ihn, sie könnten ihn jederzeit seiner Freiheit berauben. Ich glaube nicht, dass er gleichgültig ist, unter der Oberfläche kämpft er mit vielen Dingen.

Was die Politik betrifft, das ist ein schwieriges Thema. Meiner Meinung nach ist die Persönlichkeit das Politische: Wie er sich entscheidet, sein Leben zu leben. Auch wenn es niemand laut ausspricht. Die Tatsache, dass er auf den Dächern ist, mit der Mentalität, ständig Neues entdecken zu wollen, zeigt, wie offen und frei er ist. Für mich ist das politisch, wenn man die Optionen anschaut, die er hat: Armee oder Universität. Er entschied sich, seinen eigenen Weg zu finden, ausserhalb dieser zwei Möglichkeiten.

The Hanging 04 | 99.media
  • Der Film wurde 2014 gedreht, hat aber einen Bezug zur aktuellen Lage, da Kirill nicht ins Militär gehen wollte. Heute, im Jahr 2022, fliehen tausende junger Russen aus ihrem Land, um nicht in der Ukraine kämpfen zu müssen. Wie würdest du diese Parallele analysieren?


Der Film hat Bezug zur Gegenwart, es gibt viele Parallelen zu den aktuellen Ereignissen. Er wurde 2014 gedreht, direkt nachdem Russland die Krim annektiert hatte, was damals eine besorgniserregende Situation war. Diese Sorge lag also in der Luft während der Aufnahmen. Ein Mitglied der Gruppe war sogar als Roofer in Kiew unterwegs während der Revolution der Würde.


Die Tatsache, dass Kirill ein ärztliches Attest erhielt, um nicht in die Armee zu müssen, war eine grosse Erleichterung. Ich habe den Krieg genau verfolgt und fühle mich schrecklich wegen all dieser jungen Männer, die festgehalten, eingezogen und plötzlich in einen Krieg geworfen wurden. Es ist eine Tragödie für die Ukraine und auch für junge, weltoffene Russen.

Einige von Kirills Freunden aus der Roofing Community, die auch beim Film dabei gewesen waren, sind vor Kurzem aus Angst, ebenfalls eingezogen zu werden, aus dem Land in die Türkei und andere Länder geflohen. Ich war mit einigen von ihnen in Kontakt. Es war eine schwierige Entscheidung für sie, so plötzlich ihr bisheriges Leben aufzugeben und zu flüchten, bis dieser ganze Albtraum vorbei ist. Es war wie eine Bombe, die in ihrem Leben explodierte. Es ist eine schreckliche Situation.

  • Wie geht es Kirill heute?


Es geht ihm gut. Wir hatten in den letzten Tagen viel Kontakt, er informiert mich über alle Dinge, die gerade passieren. Er findet Arbeit, indem er fotografiert und Möbel herstellt. Er ist gegen den Krieg und als der Krieg ausbrach, ging er auf die Strassen, um zu protestieren, weswegen er acht Stunden festgehalten wurde.

The Hanging 05 | 99.media

„NEIN ZUM KRIEG”

  • Wie sehen deine aktuellen Projekte aus?


Mein Fokus ist im Moment ganz auf einem Projekt, an dem ich derzeit bin: Es ist ein Full- Feature-Dokumentarfilm, an dem ich nun schon seit einer Weile arbeite. Er sollte
hoffentlich bald fertig werden!

  • Hast du einen liebsten kurzen Dokumentarfilm bei 99?


Ich fand „Connected” wirklich grossartig. Der Film ist ein schönes Portrait eines Paares, das einen Tag auf den polnischen Skipisten verbringt – eine Person sehend, eine blind. Es ist toll, wie sich alles an einem einzigen Tag abspielt und man während ihres Ausflugs spürt, wie innig ihre Beziehung ist. Mein Herz schlug wie wild, als sie schliesslich anfingen, Ski zu fahren, unglaublich! Man spürt förmlich, wie es sich anfühlt, dort herunterzufahren, ohne etwas sehen zu können. Wie beängstigend und atemberaubend es wäre.


Ich fand auch „Tungrus” unglaublich lustig, ich musste oft laut loslachen! Der Vater wollte seine Kindheitserinnerungen aufleben lassen, eine wirklich bizarre und lustige Person. Grossartiger Charakter. Die Realität am Ende war aber sehr traurig und bringt einen auch zum Nachdenken über Beziehungen und darüber, was man isst. Ein riesiges Problem in unserer Welt und ein spannender Blickwinkel darauf. Auch das Interview mit dem Regisseur des Films ist grossartig, sehr empfehlenswert!

  • Noch ein Wort zu 99 und der mehrsprachigen Untertitelung deines Films?


Das ist unglaublich toll, dass der Film in mehrere Sprachen übersetzt wird! Die Aussicht, dass der Film für ein breiteres Publikum zugänglich wird, ist sehr aufregend. Es ist eine unglaubliche Chance, die 99 den Filmen auf ihrer Seite bietet!

Der Film hat lange Zeit nur auf Russisch mit englischen Untertiteln existiert. Kürzlich habe ich den Film einigen neuen Freundinnen und Freunden zugeschickt, die nur Italienisch sprechen. Dass sie den Film nun sehen und verstehen können, ist ein grossartiges Geschenk! Vielen Dank!

Insgesamt eine sehr gute Übersetzung, sehr flüssig liest und sprachlich sehr sauber ist.

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