Bjørn-Tore wuchs in Volda auf, einer kleinen norwegischen Stadt auf dem Land mit 6’500 Menschen. Um dem homophoben Umfeld zu entfliehen, zog er in die Hauptstadt, Oslo.
Bjørn-Tore ist heute 52 Jahre alt und bereitet sich auf die Pride vor, die zum ersten Mal in seiner Heimatstadt organisiert wird. Vor Ort wird dem Event einerseits Unterstützung, aber auch Feindseligkeit entgegengebracht. Einige religiöse Gruppen veranstalten sogar eine Protestdemo.
Schmerzhafte Erinnerungen kommen hoch, Bjørn-Tores Anspannung nimmt zu…
Wird die Pride ein Erfolg werden? Werden die Menschen die Strassen von Volda füllen?
Ein Dokumentar-Kurzfilm unter der Regie von Julia Dahr & Julie Lunde Lillesæter
Produktion: Differ Media
Kamera: Julie Lunde Lillesæter
Schnitt: Mathias Askeland
Redakteur Aftenposten: Jonas Brenna
Produktionsassistentin: Johanne Kristensen Sandvik
Musik: Jon Olav
Sounddesign: Karoline Fjugstad Wendelborg
Suche: Aurora Hannisdal, Johanne Kristensen Sandvik
Besonderer Dank gilt Bjørn–Tore Berge
Archiv: Nrk Radio, Nytt Livs Senter/Youtube
Übersetzung, Untertitelung: Zora Schneider
Interview
Julia Dahr
Co-director
„Selbst in einem Land, in dem die Menschenrechte unter strengem Schutz stehen, [gibt es] hassmotivierte Gewalt, und der Kampf [ist] noch nicht vorbei.”
- Kannst du dich kurz vorstellen, Julia?
Ich würde sagen, ich bin eine zuversichtliche und enthusiastische Filmemacherin, die gerne neue Menschen kennenlernt. Mit meinen Filmen möchte ich Vorurteile hinterfragen und wie wir die Welt und uns selbst darin sehen. Ich will Brücken zwischen Kulturen schlagen und die Strukturen und Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft durchleuchten.
Wie kam es zu diesem Film, und wie hast du Bjørn-Tore kennengelernt?
Als Julie Lunde Lillesæter und ich das erste Mal hörten, dass es gegen Norwegens erste Dorfpride in Volda eine grosse Protest-Demo geben würde, waren wir sehr überrascht. Julie und ich stammen beide aus Oslo, und wir fanden es sehr merkwürdig, dass es Leute gab, die gegen die Pride demonstrieren wollten. Es war so eine Art “kleines-Dorf-vs-Stadt”-Thematik. Von da an passierte alles ganz schnell, weil es bis zur Pride hin nur noch wenige Wochen waren. Wir mussten also Gas geben.
Oft beginnt der Prozess mit der Suche nach einer Hauptfigur. In diesem Fall wussten wir vom Event und wollten jemanden finden, der zurück nach Volda reisen würde, um an Norwegens erster Bygdepride teilzunehmen. Wir kontaktierten das OK der Dorfpride und man nannte uns Bjørn-Tore Berge, der zwar in Oslo lebt, aber aus Volda stammt.
Wir trafen Bjørn-Tore Berge zum ersten Mal in einem Café in Oslo, um ihn besser kennenzulernen. Er war keine medien-erfahrene Person. Ich glaube, er fand es ein wenig eigenartig, dass wir uns ihn als Protagonist vorstellten. Aber nachdem er etwas Zeit zum Nachdenken hatte, sagte er zu, da er die Story als sehr wichtig empfand.
„Was als kleine Idee für eine lokale Pride begann, fand schnell breiten, nationalen Anklang.“
- Wir sehen eine sehr sanfte und aufmerksame Kameraführung. Wie war deine Herangehensweise aus einer stilistischen Perspektive aus?
Julie, unsere Kamerafrau, hat eine sehr mitfühlende Sicht auf die Menschen und das kommt bei allem, was sie tut, zum Vorschein. Diese Eigenschaft war meiner Meinung nach grundlegend, um die Charaktere dem Publikum so nah zu bringen. Und auch damit sich die Protagonisten mit uns und der Kamera wohl fühlen. Schliesslich hatten wir noch nie so einen schnellen Dreh: Wir hatten Material aus gerade mal vier Drehtagen!
- Norwegen wird im Hinblick auf Menschenrechte global als sehr fortschrittlich eingeschätzt. Im Juni 2022 kam es jedoch in der Nähe eines queeren Nachtclubs in Oslo zu einer Schiesserei mit zwei Toten und 21 Verletzten. Veranstaltende von LGBTQIA+-Events erhalten laut Amnesty International regelmässig Drohungen. Wie ist die heutige Situation in Norwegen und vor allem in Volda?
Dieser Angriff zeigt deutlich, dass es selbst in einem Land, in dem die Menschenrechte unter strengem Schutz stehen, hassmotivierte Gewalt gibt und der Kampf noch nicht vorbei ist.
Die Leute, die 2018 Norwegens erste Dorfpride ins Leben riefen, sind sehr aktiv und steuern ihren Teil bei. Was als kleine Idee für eine lokale Pride begann, fand schnell breiten, nationalen Anklang und ermöglichte noch viel mehr Menschen den Ausdruck ihrer bisher unterdrückten Gefühle.
Seit ihrem Anfang ist klar geworden, dass die Dorfpride einen Nerv getroffen hat: In vielen anderen Orten im Land entstanden neue Dorfprides. Und viele queere Menschen fühlen sich willkommener und wohler, sich authentisch zu zeigen, sogar in den ländlichen Regionen von Norwegen.
- Wie geht es Bjørn-Tore heute? Wie hat ihm der Film gefallen?
Bjørn-Tore ist stolz auf den Film und möchte damit so viele Menschen wie möglich erreichen. Er freut sich über die grosse Reichweite in Norwegen – der Film wird nicht nur ausgestrahlt, sondern seit mehreren Jahren auch in den Schulen gezeigt. Er findet es auch toll, dass der Film internationale Bekanntheit erreicht hat und in einem Artikel von The Atlantic erschienen ist, er mehrere Preise gewonnen hat und vom British Council und BFI Flare als einer der #FiveFilmsForFreedom 2020 auserkoren wurde.
Ich freue mich darauf, Bjørn-Tore und dem Team der Dorfpride mitzuteilen, dass der Film nun auf 99 in so vielen Sprachen verfügbar sein wird!
- Was hältst du von Kurzfilmen im Allgemeinen? Was ist so speziell an diesem Genre?
Es ist meiner Meinung nach ein wichtiges und sehr kreatives Genre. Manche Geschichten eignen sich nicht für eine Spielfilmlänge und kommen in gekürzter Form besser zur Geltung. Es fällt mir schwer zu verstehen, wieso Kurzdokus nicht beliebter sind. Julie und ich haben viele Kurzdokus gedreht und ich dachte, es sei einfacher, sie über Streaming-Plattformen zu veröffentlichen, nachdem wir uns vom linearen Fernsehen und fixen Sendezeiten entfernt hatten.
Es scheint mir jedoch, dass Einkäufer immer noch in einem alten Muster feststecken, nur mit neuen Ausreden. So sagen sie: „Das ist eine tolle Story, aber wir haben nichts Ähnliches auf unserer Plattform, deshalb können wir sie nicht aufnehmen“. Das klingt für mich umso mehr nach einem ausgezeichneten Grund, den Film aufzunehmen statt abzulehnen.
Wenn sich die traditionellen Plattformen wirklich nach ihren Kundinnen und Kunden richten wollen, die aus Zeitgründen lieber einzelne Episoden statt ganze Filme schauen, sollten sie Kurzfilmprogramme mit offenen Armen empfangen. Ich würde abends zuhause definitiv 2-4 Kurzdokus schauen, wenn ich wüsste, wo ich sie finde. Aber die Auswahl müsste gut sein, so dass die Filme zusammen etwas Grösseres und Komplexeres aussagen als für sich allein. Es wäre wie Black Mirror, nur mit Kurzdokus. Und ich würde liebend gerne alte und neue Kurzdokus zusammen sehen, um zeitlich unterschiedliche Perspektiven und Interpretationen derselben Themen zu erfahren.
Ich glaube tatsächlich, dass Kurzdokus extrem beliebt sein könnten, wenn sie ein guter Kurator oder eine gute Kuratorin zusammenstellen würde und die herkömmlichen Plattformen sie wirklich schätzen und pushen würden. Ich frage mich, ob irgendein Streamingdienst mutig genug ist, es zu versuchen!
- Was sind deine nächsten Projekte?
In den letzten sechs Jahren habe ich an einem Dokumentarfilm gearbeitet über Alternativen zur Eskalation. Dabei ging ich von mir aus, indem ich offen für Veränderung bin. Alles begann mit einer Frage, auf welche ich verzweifelt eine Antwort brauchte, um in meinem Leben Hoffnung zu bewahren: In einer Welt, in der sich die Polarisierung immer weiter verstärkt, welche anderen Möglichkeiten gibt es, anderer Meinung zu sein und dabei die Demokratie zu stärken, statt sie zerstören?
Zwei Filmemacherinnen versuchen, zwischen unterschiedlichen Meinungsvertretern einer US-amerikanischen, langsam verschwindenden Insel zu vermitteln. Im Angesicht ökologischer und ideologischer Herausforderungen unterstützen sie ehrliche Gespräche über abweichende Ansichten und erproben die Macht des Dialogs. Es geht darum, wie Konversationen, die sich von unseren üblichen Gesprächen unterscheiden, etwas bewegen können; etwas in uns verändern, in unseren Beziehungen und schlussendlich in unserer Gesellschaft.
Wir sehen im Film, wie echter Dialog Menschen dazu bringen kann, ihre starren Vorstellungen aufzugeben und sich dem grösseren “Wir” zuzuwenden. Meinungsverschiedenheiten und Konflikte müssen nicht als Bedrohung angesehen werden, die es abzuwenden gilt. Sondern als Chance auf Veränderung, Wachstum und Erkenntnis. Es ist ein Film voller Zuversicht, basierend auf Respekt, Offenheit und gegenseitigem Zuhören trotz Differenzen.
- Hat einer der Filme auf 99 deine Aufmerksamkeit geweckt?
Ain’t No Time for Women ist wunderschön und so gut inszeniert. Er zeigt auch das grosse Potenzial von Kurzdokus, uns an andere Orte zu bringen sowie sich mit kreativem Mut auszudrücken und gleichzeitig eine wichtige Message zu transportieren. Dies wurde sehr elegant umgesetzt. Ich glaube der Film ist so stark, weil er die Power eines Kurzfilms besitzt.
- Was hältst du von 99 und der Tatsache, dass dein Film nun in mehreren Sprachen untertitelt ist?
Ich liebe 99! Es ist fantastisch, diese tollen Kurzdokus an einem Ort zu finden! Und es fühlt sich so besonders an, Bjørn-Tores wichtige Geschichte mit noch mehr Menschen in so vielen Sprachen teilen zu können. Ich wünschte mir, dass die üblichen Streaming-Dienste die Stärke der Kurzdokus ebenso entdecken würden, so wie 99!